Außergewöhnliche Frauen der Weltgeschichte
Eine Lebensgeschichte auf fünf Seiten. Maria Pettersson gelingt, was unmöglich scheint. Die gestandene Journalistin zeichnet einfühlsame und informative Porträts von außergewöhnlichen Frauen, die für Aufregung sorgten, weil sie Normen brachen, sich nicht an Regeln hielten und unbeeindruckt ihren Weg gingen. Liest man die einzelnen Namen im Inhaltsverzeichnis, kennt man die wenigsten. Liest man das Kapitel, wünscht man sich, es gäbe ein ganzes Buch über jede von ihnen.
Die geschichtsinteressierte Petterson war schon in der Schule enttäuscht, dass sie „Hunderte von geschichtsträchtigen Männern …, aber nur eine Handvoll Frauen“ benennen konnte. „ … als hätten die Welt vor den 1970er Jahren nur Männer bevölkert.“ (S. 9) Jahrelang arbeitete sie sich dann durch Bücher, Filme, Zeitschriften und Radiosendungen, machte sich Notizen und schrieb Kurzbiografien, die zunächst in sozialen Medien und nach einer Crowdfunding-Kampagne als Buch erschienen. Dank gebührt dem Knaur Verlag dafür, dass er diese faszinierenden Erzählungen dem deutschsprachigen Leser zugänglich gemacht hat, und Maximilian Murmann für die Übertragung in flüssiges, stilvolles Deutsch, das sich an keiner Stelle liest wie eine Übersetzung. Es ist nur zu erahnen, welcher Rechercheaufwand der Übersetzungsarbeit zugrunde liegt, um beispielsweise Schreibweisen von Namen und Orten anzupassen.
Die Auswahl der Frauen ist subjektiv und weder chronologisch noch geographisch angeordnet. Vorgestellt werden die Frauenporträts in thematisch gegliederten Kapiteln: Wissenschaftlerinnen & Gelehrte, Anführerinnen & Herrscherinnen, Künstlerinnen & Athletinnen, Aktivistinnen & Dissidentinnen, Ermittlerinnen & Kriminelle, Soldatinnen & Spioninnen, Abenteurerinnen & Entdeckerinnen. Die einzelnen Kapitel führen durch fast dreitausend Jahre Weltgeschichte und rund um den Globus.
Das Buch beginnt mit Lise Meitner, der sicherlich bekanntesten der vorgestellten Frauen. Unbekannter dagegen dürfte sein, dass statt ihres Kollegen Otto Hahn eigentlich sie 1944 den Physik-Nobelpreis für die Entdeckung der Kernspaltung verdient hätte. Oder dass es unter den Samurai zahlreiche Frauen gab, wie die Kriegerin Tomoe Gozen. Wir lernen die Mathematikerin Hypatia von Alexandria aus dem antiken Griechenland kennen, begegnen der Heldin der südamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung Manuela Sáenz und entdecken Töregene Hatun, die erst von Dschingis Khan geraubt wurde und später zur Herrscherin über das Mongolische Reich aufstieg, das „doppelt so groß [war] wie das Römische Reich“ und in dem „fast die Hälfte der Weltbevölkerung“ lebte (S. 58). Wir hören von unbekannten Völkern wie dem westafrikanischen Aschantireich, in dem die Königinmutter Yaa Asantewaa mit sechzig Jahren zur Feldherrin aufstieg und mutig gegen die Briten Krieg führte. Nahezu unglaublich ist die Geschichte der philippinischen Lebensmitteltechnologin Maria Orosa, die während des Pazifikkrieges mit der von ihr erfundenen „Wundernahrung“ Tausende philippinische und amerikanische Kriegsgefangene vor dem Hungertod bewahrte: „Ein Esslöffel am Tag reichte, um zu überleben … und mit zwei Handvoll war man in der Lage zu kämpfen.“ (S. 39).
Die einzelnen Frauenporträts sind als spannende Features geschrieben und keinesfalls nüchtern wie ein biografischer Eintrag bei Wikipedia. Pettersson schafft es, die Persönlichkeiten herauszuarbeiten, Anekdoten zu erzählen und die historische Bedeutung der Frauen zu schildern. Trotz in sich abgeschlossener Kapitel kann man das Buch nicht aus der Hand legen. Pettersson gelingt es, die Leserinnen und Leser vom ersten Satz an zu fesseln. Die Geschichte über die erste Schwarze Schriftstellerin Amerikas beginnt zum Beispiel so:
„Die zukünftige Dichterin, die man später unter dem Namen Phillis Wheatley kennen würde, kam auf dem heutigen Gebiet Senegals zur Welt. Im Alter von etwa sieben Jahren wurde sie nahe ihre Heimatdorfes entführt und auf einem Schiff namens Phillis nach Boston gebracht. Sie wurde von dem wohlhabenden Händler John Wheatley als Geschenk für seine Frau gekauft, die sich ein Schwarzes Kind als Bedienstete wünschte.“ (S. 111)
Die deutsche Ausgabe ist eine gekürzte Fassung der finnischen Originalausgabe „Historian jännät naiset“ (Atena 2020) und enthält 49, also genau die Hälfte der ursprünglichen Frauengeschichten. Ein Auswahlkriterium mag gewesen sein, jeweils eine Frau pro Disziplin bzw. Betätigungsfeld vorzustellen. Die für die deutsche Ausgabe nicht ausgewählten Namen, wie etwa die aus Tunesien stammende Universitätsgründerin Fatima al-Fihri, die tibetische Kriegernonne Ani Pachen oder die spirituelle Forschungsreisende Alexandra David-Néel lassen auf einen oder mehrere Folgebände hoffen. Bei Yle Areena sind die Frauengeschichten inzwischen auch als finnischsprachiger Podcast zu hören (Maria Pettersson ja historian naiset | Yle Areena – podcastit). In Finnland ist 2022 bereits der Folgeband „Suomen historian jännät naiset“ (Außergewöhnliche Frauen der finnischen Geschichte) erschienen.
Anders als im Original verzichtet die deutsche Ausgabe auf die den Kapiteln vorangestellten Porträtfotos der Frauen und ersetzt sie durch Porträtillustrationen von Ti Fong, die allerdings weit weniger aussagekräftig sind als die Originalfotos. Verständlicher ist die Entscheidung, auf das Verzeichnis finnischsprachiger Sekundärliteratur zu verzichten.
Petterssons Buch ist jedoch mehr als eine historische Darstellung, es ist ein Appell: „In der Geschichte wurden Frauen … davon abgehalten, ihre Begabungen zu nutzen, aber die Situation ist in vielen Ecken der Welt heute noch die gleiche. … Wo stünde die Menschheit jetzt, wenn die Hälfte der Welt nicht über Tausende Jahre hinweg daran gehindert worden wäre, ihr Gehirn zu benutzen?“ (S. 11) Trotzdem verbreitet das Buch keine Trübsal. Vielmehr macht es Mut, handelt es doch auch von Männern und Frauen, die diese Frauen unterstützten, ihnen das Leben retteten, sie in Machtpositionen hoben. „ … es macht große Freude, über aufregende Frauen zu schreiben.“ Und mindestens ebenso viel Vergnügen, über sie zu lesen! Gegenüber dem prachtvollen Layout der finnischen Ausgabe ist die Aufmachung der deutschen Ausgabe eher schlicht. Möge dieses zeitlose Büchlein trotzdem von zahlreichen Leserinnen und Buchhandlungen entdeckt werden!
Anke Michler-Janhunen