Gewässer im Ziplock
Vater, Mutter, Kind zwischen Chicago und Spiekeroog
Vater, Mutter, Kind hat bei Avi, Marsha und Margarita ganz und gar nicht funktioniert. Exemplarisch erleben wir einen Sommer im Leben dieser „Nichtfamilie“. Margarita sollte die Ferienzeit wie jedes Jahr bei den Großeltern mütterlicherseits in Chicago verbringen. Aber die Erwachsenen haben plötzlich eine neue Idee: Margarita, die ohnehin Berlin und ihre Freunde vermisst, soll zu ihrer Mutter nach Jerusalem, die an der dortigen Universität einen Lehrauftrag angenommen hat. Auf diese Weise soll Margarita auch das Heimatland ihres Vaters kennenlernen. Marsha, die Mutter, hat ihre Familie kurz nach Margaritas Geburt verlassen. Avi verblieb als alleinerziehender Vater in Berlin. Dort arbeitet er als Kantor für eine der jüdischen Gemeinden.
Dieser neue Versuch Marshas, sich der Tochter anzunähern, scheitert grandios. Die Tochter wird am Flughafen vergessen. Daran ist natürlich nicht Marsha schuld. Auch eine Rundreise durch Israel bringt Mutter und Tochter nicht näher. Avi sieht sich gezwungen, nachdem Margarita nirgendwo aufzufinden ist, selbst nach Israel zu fliegen, um sich um die pubertierende Tochter zu kümmern, die zudem gerade mit einem Israeli sexuelle Erfahrungen vertiefte. Avis eigener Urlaub auf Spiekeroog verlief unschön, da die Frau, die ihm nachreiste andere Absichten hatte, als Avi gehofft hatte. Dementsprechend schlecht ist er auf das Treffen mit Marsha und Margarita seelisch vorbereitet.
Aufgewühlt durch Margaritas kurzfristiges Abtauchen in Israel hat die Großmutter in Chicago einen Unfall und Vater, Mutter, Kind fliegen in die USA. Erst nachdem die bei der Großmutter eine Gesundung in Aussicht ist, kehrt Avi zu seiner Arbeit nach Berlin zurück und Marsh nimmt eine Professorenstelle an einer der Universitäten in Chicago an. Beide Elternteile möchten, dass Margarita bei ihnen bleibt. Die Tochter muss sich entscheiden. Offen und doch offensichtlich beendet die Autorin ihren Roman mit einem etwas süßlichen Schluss.
Tatsächlich ist „Gewässer im Ziplock“ ein glaubwürdig erzählter Sommer eines fünfzehnjährigen Mädchen im Konflikt mit vielen Identitäten, einem getrennten zerrissenen Eltern"haus", dominanten Großeltern und den eigenen Wünschen inkl. der Entdeckung der Sexualität. Die Charakterisierung der drei Hauptpersonen, die Jugendliche, der einsame Kantor in der zweiten Hälfte seines Lebens, die Mutter, unfähig Mutter sein zu wollen, aber mit viel schlechten Gewissen, ist grandios und eine beeindruckende Stärke der Autorin. Aber auch die Nebenfiguren sind sehr lebendig geschildert wie z.B. die Großmutter.
Aber es wird auch übertrieben. War es für den Inhalt so wichtig, dass Margaritas liebste Freizeitbeschäftigung die Selbstbefriedigung ist? Ist es nötig so zu provozieren (s. nachfolgendes Zitat)? "Im Museums-Shop gab es zwanzig Prozent Rabatt auf Totes-Meer-Handcreme. Ob es in Auschwitz auch Handcreme gab, mit Tote-Juden-Asche?"
Der Roman ist also handwerklich gut gelungen, mehr noch, die Handlung vermag zu fesseln. Abbruchsgelüste im vorletzten Teil kamen eher durch die Zuspitzung der Konflikte und waren nicht von Inhalt oder Lesbarkeit verursacht. Es ist eins der besten Jugendbücher, dass ich in letzter Zeit gelesen habe, ohne ein Jugendbuch sein zu wollen.
Misslungen fand ich dagegen den Titel, der wohl eher eine Rätselaufgabe war. Was haben „Gewässer im Ziplock“ mit der Familie und ihren Identitäten zu tun? Wasser, Tränen, Menstruationsblut, Sperma, Margarita hatte da einiges in wiederverschließbaren Tütchen abzupacken, so könnte eine Erklärung lauten. Eigentlich viel zu viel für ihr Alter! Aber wird daraus ein Romantitel?
Selbst wenn die Geschichte auch ohne jüdischen Hintergrund gut erzählt werden könnte, ist es doch gerade dieser Hintergrund, der die Fragen nach Identität und Heimat angesichts der Shoah und all der Folgen noch einmal verschärft. Die Frage stellt sich jedoch, ob die Geschichte für die deutsche Leserschaft funktioniert. Es ist zwar ein Glossar vorhanden, aber dies hätte etwas ausführlicher sein müssen, da viele Begriffe für Nichtjuden nicht selbstverständlich sind. Für die Lesbarkeit wäre es sehr nützlich gewesen.
Die Autorin braucht beim Verhältnis Juden/Deutsche nicht zu übertreiben oder zu verfremden. Schüsse auf eine Synagoge wie in Halle und das Erschießen von Passanten aus Wut auf Juden sind etwas, was sich Vowinckel nicht ausgedacht hat. Der deutsche Antisemitismus, aktuell sogar in einer Landesregierung (Bayern) vorhanden, ist etwas, was uns aktuell beschäftigt. Dabei malt die Autorin niemals schwarzweiß. Sie redet nicht um die Widersprüche und die Vielfältigkeiten herum. Sie beschreibt sie mit Augenzwinkern, manchmal auch mit Humor (Krabbenbrötchen), aber es hängt in den Augenwinkeln immer eine Träne. "Alles, was sie wollte, war, dass jemand sie schön fand." Jenseits, aller Identitäten, ist dieser Satz aus dem Roman die beste Zusammenfassung für „Gewässer im Ziplock“. T.Kreutzfeldt